Dieser Abend wird mehr als nur ein normales Rockkonzert – das war sofort klar, als die Nova Twins im Rahmen iherer Parasites & Butterflies Tour die Bühne der Zeche Carl betreten. Das britische Duo, bestehend aus Sängerin und Gitarristin Amy Love sowie Bassistin Georgia South, bringt eine Energie mit, die sich vom ersten Moment an auf das Publikum überträgt.
Schon der Support-Act Nativ James sorgt für Stimmung. Für ihn ist es zugleich das allererste Konzert in Deutschland. Mit den ersten Moshpits des Abends bringt er die Menge schnell auf Betriebstemperatur, noch bevor die Twins überhaupt die Bühne betreten. Eine perfekte Vorbereitung für das, was noch folgen soll.
Die Twins starten die Show mit dem Song „Black Roses“ und präsentieren natürlich Tracks vom aktuellen Album „Parasites & Butterflies“, ergänzt durch ausgewählte Stücke vom „Supernova“-Album und einen frühen Track von der EP „Who Are the Girls?“ – „Taxi“. Die Zugabe bringt dann unter anderem „Monster“ und „Glory“, die noch einmal für Ekstase im Publikum sorgen. Moshpits entstehen, Fans springen und feiern, während die Twins die Show in einem energiegeladenen Finale abschließen. Das Duo lifert genau das ab , wofür sie bekannt sind. Ihr Sound, eine Mischung aus Alternative Rock, Punk, Rap Rock und Nu Metal, wirkt live noch eindrucksvoller und vielschichtiger als auf ihren Studioaufnahmen. Tatsächlich gehören sie zu den wenigen Bands, bei denen man sagen kann: Live klingen sie sogar besser als auf Platte. Nicht, weil die Studioaufnahmen schwächer wären, sondern weil ihre Songs auf der Bühne eine neue, rohe Intensität erhalten.
Ein entscheidender Grund dafür ist ihr außergewöhnlicher Umgang mit Instrumenten. Besonders Georgia South beeindruckt mit einem Bassspiel, das weit über klassische Rockstrukturen hinausgeht. Sie arbeitet live mit einem aufwendigen Setup aus zahlreichen Effektpedalen – oft sind mehrere Dutzend gleichzeitig im Einsatz – und verzichtet dabei bewusst auf vorproduzierte Backing-Tracks oder Laptops. Stattdessen erzeugt sie sämtliche elektronischen Klänge in Echtzeit auf der Bühne. Zusätzlich nutzt sie einen Bewegungssensor am Finger, mit dem sich Effekte durch Gesten im Raum steuern lassen. Dadurch kann sie ihren Sound nicht nur mit den Füßen, sondern auch durch Handbewegungen verändern. Das Ergebnis ist ein extrem dynamisches Klangbild: Der Bass wird zum Synthesizer, zu Sirenen, zu verzerrten Beats – und jeder Song entwickelt live eine eigene, spürbar neue Version des Studiosounds.
Auch Amy Love nutzt ihre Gitarre weniger melodisch als vielmehr als Klangwerkzeug. Mit starken Verzerrungen und Effekten erzeugt sie aggressive, fast industrielle Sounds, die den Raum komplett ausfüllen. Zusammen schaffen die beiden eine Klangdichte, die kaum vermuten lässt, dass hier nur zwei Musikerinnen auf der Bühne stehen.
Neben der Musik überzeugt auch die Verbindung der beiden Künstlerinnen. Obwohl sie keine echten Zwillinge sind, verbindet sie eine enge Freundschaft, die bis in ihre Jugend zurückreicht. Diese Vertrautheit ist auf der Bühne spürbar.
Auch abseits der Musik setzen die Nova Twins klare Zeichen. Mit ihrem Do-it-yourself-Ansatz gestalten sie ihre auffälligen Outfits selbst und stehen zugleich für mehr Diversität in der Rockszene. Spätestens seit dem Erhalt des Mercury Prize – eines britischen Musikpreises, der jedes Jahr das Album des Jahres aus Großbritannien und Irland auszeichnet – für ihr Album Supernova gelten sie als wichtige Stimme für unterrepräsentierte Künstlerinnen im Genre.
Die Zeche Carl erweist sich dabei als genau der richtige Ort für dieses Konzert. Die raue, industrielle Atmosphäre der ehemaligen Zeche passt perfekt zur kompromisslosen Klangästhetik des Duos und verstärkt die Intensität der Show zusätzlich. Das Fazit fällt eindeutig aus: Wer auf kraftvolle Musik und eine außergewöhnliche Live-Performance steht, kommt bei den Nova Twins voll auf seine Kosten. Das Duo zeigt eindrucksvoll, wie moderner Rock klingen kann – roh, experimentell und gleichzeitig absolut mitreißend.
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